Ikageng

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Gleich neben Potchefstroom befindet sich das Township Ikageng, in diesem ich unterhalb der Woche einen großen Teil meiner Zeit verbringe. Auch unser Büro von Bafenyi liegt in Ikageng, genauer gesagt in Extention 11. Ikageng ist relativ groß und in verschiedenen Extentions – im Prinzip in verschiedenen Vierteln – unterteilt. So gibt es zum Beispiel das Viertel mit den Coloured-People, ein indisches Viertel, ein schwarzes Viertel, ein Muslimisches Viertel und und und…

Zudem sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Vierteln teilweise sehr stark ausgeprägt. So kann man in einigen Vierteln – vor allem im muslimischen Viertel – fast ausschließlich sehr große und schöne Backsteinhäuser mit einem großen Garten vorfinden. In anderen Vierteln, wie in Extention  11, stehen wiederum nur kleine Wellblechhütten, die keinen Strom- oder Wasserzugang besitzen oder in denen noch nicht mal Laternen vorhanden sind. Das Township an sich stellt zudem eine kleine Stadt für sich dar. Es gibt Kirchen, kleine Shops, Kneipen, Friseure, eine Autowerkstatt, Friedhöfe. Schulen, Vorschulen, Supermärkte und und und… Der Standard ist natürlich nicht mit dem in der Stadt vergleichbar und alles sieht sehr heruntergekommen aus, aber man kann grundsätzlich alles im Township bekommen, was man zum leben benötigt.

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ein Haus im muslimischen Viertel

Als ich das erste Mal durch das Township gefahren bin, ist mir besonders stark der viele Müll aufgefallen. In Ikageng kann man manchmal kilometerweit auf Feldern, wo einzelne Wellblechhütten stehen, nur Müll entdecken, in dem viele Menschen nach Essensresten oder anderen brauchbaren Gegenständen suchen. Besonders erschreckend war für mich, dass viele kleine Kinder mit nackten Füßen durch den Müll laufen und dort spielen oder sich an verseuchten Wasserstellen aufhalten. Zudem war ich sehr geschockt, als ich sah, dass viele Menschen – überwiegend Kinder – Wasserstellen, Müllfelder wie diese, Zäune, Brücken oder auch die eigenen Hauswände „als Toilette“ benutzen. In Ikageng herrschen daher meiner Meinung nach teilweise sehr menschenunwürdige Zustände vor und alles ist ziemlich dreckig und vor allem besonders staubig. Im Moment ist es sehr windig, was man jedoch in der Stadt nicht wirklich merkt. Jedoch wenn man sich im Township befindet, ist dies anders. Dort stehen keine hohen Gebäude, die einen ein bisschen schützen können. Am schlimmsten dabei sind jedoch die Straßen. Viele von denen sind nämlich nicht geteert. Meistens gibt es nur eine Art von Sand/Feld Wegen. Wenn es dann windig ist, kann man dann oftmals viele kleine Wirbelstürme erkennen, die den ganzen Sand und Staub auf den Straßen aufwirbeln. Diese Stürme treffen dann oftmals auf die Menschen in den Straßen von Ikageng und das ist nicht gerade angenehm. Ich bin meistens vor den Stürmen geschützt, weil ich nicht durch das Township laufe, sondern immer im Auto sitze, aber einmal bin ich auch in einen kleinen Wirbelsturm geraten, als ich aus dem Auto ausgestiegen bin. Du hast dabei das Gefühl, dass du nicht mehr sehen und atmen kannst… und das müssen die Menschen hier im Township fast jeden Tag mitmachen.

Auch die Wellblechhütten, in denen viele Menschen leben müssen, schützen einen nicht gerade gut vor den Stürmen. Was ich gedacht habe, als ich die Wellblechhütten zum ersten Mal von nahem gesehen habe und auch in einigen drin war, kann ich schlecht in Wort zusammenfassen. Eine solch große Armut habe ich in meinem Leben bisher noch nicht gesehen und die Armut hier ist auf keinen Fall mit der in Europa oder Deutschland vergleichbar…. Vor allem im Winter und im Hochsommer hier müssen die Menschen in den Wellblechhütten besonders leiden, da im Winter keine Wärme in den Hütten vorhanden ist und im Sommer ist es unerträglich heiß.

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Der Verkehr auf den Straßen ist eher ruhig und die einzigen Autos, die man sieht, sind entweder Minibustaxis, Autos von Projekten oder oftmals nur sehr langsam fahrende und halbfunktionsfähige Autos, die in Deutschland schon längst auf dem Schrottplatz gelandet wären. Allerdings halten sich immer viele Menschen an den Straßen auf und allgemein finde ich immer ein buntes Treiben vor, wenn ich mit dem Auto durch das Township fahre. Besonders kleine Kinder, meistens nicht älter als 3 Jahre, sehe ich oft alleine auf den Straßen herumlaufen, was ich aber eher erschreckend finde, da diese ohne Eltern unterwegs sind und einfach unachtsam auf die Straßen laufen, sodass ich beim Autofahren immer ziemlich aufpassen muss. Besonders viele junge Menschen sehe ich täglich auf den Straßen, was größtenteils an der hohen Jugendarbeitslosigkeit liegt. Um zu Fuß in die Stadt zu kommen und dort zu arbeiten oder vielleicht Arbeit zu finden, liegt Ikageng zu weit abseits und besonders von den hinteren Extentions ist es sehr weit. Ich muss zum Beispiel jeden Tag ungefähr 20 Minuten mit dem Auto bis zu Arbeit fahren. Viele haben aber kein Auto und jedes Mal ein Minibustaxi zu nehmen, können sich ebenfalls nur die wenigsten leisten, obwohl eine Fahrt „nur“ ca. 10 Rand (70 Cent) kostet. Aus diesem Grund ist die Arbeitslosigkeit in Ikageng sehr hoch und viele Menschen sitzen daher nur vor ihren Hütten, halten sich vor kleinen Shops oder an den Straßen auf. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum der Gegensatz zu Potchefstroom so gravierend ist. Auf der einen Seite gibt es die große Universität in Potchefstroom und viele Angebote für junge Menschen zur Freizeitbeschäftigung und auf der anderen Seite findet man ein paar Kilometer weiter die große Jugendarbeitslosigkeit im Township vor. Ein weiteres großes Problem ist zudem noch der hohe Konsum an Alkohol und Drogen im Township, weshalb es dort auch nicht gerade ungefährlich ist. Tagsüber habe ich ein sicheres Gefühl im Township, was aber größtenteils wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich dort mit dem Auto mit geschlossenen Türen durchfahre und nicht zu Fuß gehe, wenn ich zu den verschiedenen Vorschulen unterwegs bin. Und wenn ich bei den Vorschulen bin, kann ich dort auch problemlos aussteigen und mich bei diesen aufhalten. Wenn es aber dunkel wird, versuche ich das Township aber auf jeden Fall meiden und besonders nachts würde ich mich noch nicht mal trauen, mit dem Auto durch das Township zu fahren. Mir ist zum Glück soweit noch nichts passiert, aber vor Lino’s und Anna’s Auto ist letztens ein Mann mit Messern in der Hand gesprungen und ihre Autos  wurden einmal mit einer Vodoo-Puppe abgeworfen, was ich eher ziemlich gruselig finde… Unsere Arbeitskolleginnen meinten, dass der Mann wahrscheinlich ein Heilpraktiker auf Drogen gewesen ist 😀 Zudem haben sie uns erzählt, dass in Extention 11, in diesem sich ebenfalls unser Büro befindet, meistens jede Nacht eine Person ermordert wird… aber ich möchte natürlich keinen jetzt beunruhigen… vor allem euch beiden, Mama und Papa, nicht 😀 Mir geht es gut und alle hier sind sehr um unsere Sicherheit bemüht, sodass eigentlich nichts passieren kann, wenn man sich vorsichtig und aufmerksam verhält. Und sehr viele Menschen hier sind auch super nett, hilfsbereit und sie freuen sich immer, wenn man ihnen zuwinkt. Besonders die Kinder sind immer außer sich, wenn sie eine weiße Person im Township sehen, was meistens nicht wirklich oft vorkommt. Im Township leben nämlich keine Weißen und die einzigen weißen Personen, die ich bisher im Township gesehen habe, sind Anna, Lino und meine 4 Arbeitskolleginnen und ein paar Freiwillige eines anderen Projektes in Ikageng. Meistens rufen dir die Kinder auf den Straßen, aber auch in den Vorschulen auf Setswana „legoa“ zu, was einerseits als Weißer aber andererseits auch als Zerstörer übersetzt werden kann… Die Kinder sind sich der zweiten Übersetzung meistens nicht bewusst, aber die Bedeutung dahinter kann einen schon zum nachdenken bringen…

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Tiere gibt es zudem auch jede Menge hier! Egal ob Hühner, Hunde, Katzen oder Kühe – hier laufen einfach alle Tiere frei durch das Township. So kann es auch schon mal passieren, dass man mit dem Auto anhalten muss, um eine Herde von Kühen/Rindern vorbei zu lassen.

Was auch immer auffällig hier in Ikageng ist, dass es öfters einfach mal irgendwo am Straßenrand brennt und es interessiert einfach keinen. Manchmal brennen ganze Rasenstücke ab und die Leute stehen noch daneben und bewässern ihren eigenen Rasen.

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Hier noch weitere Bilder vom Township und von den Vorschulen:

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4 Gedanken zu „Ikageng

  1. Hallo Hannah,
    dein Bericht und Bilder zu Ikageng haben mich sprachlos gemacht, schön geschrieben (klar wie immer), aber so eindringlich über die Menschen und deren Lebensweise zu lesen, macht einen schon sehr nachdenklich.
    Du kannst stolz auf deine Hilfe/Arbeit vor Ort sein und die strahlenden Kindergesichter zu sehen, wenn du mit dem Auto kommst, geben dir bestimmt sehr viel zurück.
    Alles Liebe
    Mama

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  2. Hallo liebe Hannah,
    was bist du nur für eine fleißige Schreiberin!!!!! So viel schaffe ich ja fast nicht zu lesen.
    Und hast du schon einen Verlag für dein Afrika-Buch? Aber 5000 Seiten…. , das wird ein dickes Buch. Smilie
    Doch viel voller ist bestimmt dein Herz, wenn ich mir die Bilder anschaue. Wieviel Nähe und Vertrauen die Kinder
    zu dir / Ihr miteinander ausstrahlt. Vielleicht finde ich am Wochenende Zeit mal mit Matthias in deinen Blog zu schauen. Ich sende dir Herzensgrüße aus einem sonnigen und wirklich sehr konfortabelem Deutschland
    Dir das Beste Marion

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Hannah, du erlebst ja auch wirklich nachdenkliche Eindrücke. Die Bilder zeigen es ja auch und wir hier in unseren Häusern strebend ständig nach neuen Sachen. Unglaublich ….wie wir mit der Umwelt umgehen. Und diese leuchtenden Kinderaugen ….nein….deine Arbeit bereitet dir Freude und gibt den Kinder sehr viel. Einfach schön….mache weiter so und ich freue mich immer über die netten Zeilen von dir. Gruß Anne

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  4. Hallo Hannah! Danke für die spannenden und berührenden Berichte! Und für die vielen Fotos, die es uns hier leichter machen, eine Vorstellung zu bekommen. Du kannst stolz auf dich sein – diese Herausforderungen würde nicht jede/r bewältigen. Liebe Grüße! Annette

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